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Rezensionen

Von Ehestörern und Ehrabschneidern

 18.03.2021 |  Hans Gärtner

Zeitungsinserate sind für Blattnutzer noch heute ein gefundenes Lese-Fressen. Auch wenn sie auf das in der Anzeige gemachte Angebot nicht eingehen, also auf die „reich bestickte Lederhose, ca. 80 J. alt“ verzichten, regt sie ein solcher Text an, sich Geschichten zu dem angepriesenen Kleidungsstück auszudenken. In der Kürze steckt Würze. Steckt reichhaltiges Futter für die Fantasie. Besonders beliebt: Heirats- und Partnersuchinserate, aus denen sich im Kopf ganze Liebesabenteuer stricken lassen – Stoff fürs Stillen eigener Sehnsüchte oder für gute Ratschläge an die noch immer ledige große Schwester. Große Dramen ergeben sich da aus Kleinanzeigen.

Helmut A. Seidl, Augsburger Germanist mit volkskundlichem Interesse, Autor des leider vergriffenen Buches „Sprichwörtliches über Altbayern“, gefiel es,  den Jahrgang 1848 des Münchner Massenblattes „Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik“ (Verlag: Karl Robert Schuricht) auf einen kleinen, jedoch erstaunlich ergiebigen Sektor dieser Tageszeitung zu untersuchen: Schmähinserate. Könnten Seidls Erfindung sein, sind aber NN-original. 

Nachdem Bayerns Maximilian II. 1848 die Presse-Vorzensur aufgehoben hatte, durfte öffentlich drauflos geschimpft, gewütet, beschuldigt, Gift gespritzt, angeprangert und gelästert werden. In München und rundherum schien sich des Volkes Zorn bedenkenlos entzündet und entladen zu haben. Die Rede ist von Haderlumpenweibern und Hofschauspielerinnen, Zechprellern und Zahlungsverweigerern, Ehestörern und Ehrabschneidern, frevelhaften Handlungen an heiligen Orten, heuchlerischem Haberfeldtreiben. Lustig? Schon. Aber auch tragikomisch. Geschichten, die an Deftigkeit, Missgunst und teuflischer Hinterfotzigkeit nichts zu wünschen übrig lassen.

In den zitierten und teils abgebildeten Anzeigen kommt Verborgenes und Abgründiges in des Volkes Seele zum Vorschein, ohne Zensur, ungeschminkt. Rückhaltlos. Sittenbildhaftigkeit in schillernden Farben. Quer durch alle Stände und Berufe, der Klerus nicht ausgenommen. Häme und Spott. Turbulentes Volkstheater. Viel erklärt, erläutert und kommentiert Seidl.  Kernige Gepflogenheiten des bayerischen Biedermeier und schöne alte  Bildzugaben bereiten der Leserschaft Vergnügen. Geradezu unendliche Geschichten lassen sich aus den Anzeigen fabulieren – über Spitzbuben und Lüstlinge, bestechliche Ärzte oder verleumdete Kellnerinnen. Man greife zu. Um am unverfälschten Münchner Leben um die Mitte des 19. Jahrhunderts  genussreich teilzunehmen. Gute Unterhaltung wünscht

Hans Gärtner

Herzfaden

 17.01.2021 |  Thomas Endl (litera bavarica@histonauten)

Thomas Hettche, Jahrgang 1964, war gerade im Einschulungsalter, als das Urmel aus dem Eis und der Kleine König Kalle Wirsch auf den deutschen Fernsehbildschirmen erschienen und sein Herz eroberten. Diese beiden Serien sind freilich nur ein geringer Teil dessen, was die Marionettenbühne aus Augsburg für das TV-Publikum in Szene gesetzt hat und wofür sie berühmt geworden ist. Der Klappentext von Herzfaden hat sicher recht mit der (erstaunlich unpoetischen) Formulierung „Die Augsburger Puppenkiste gehört zur DNA dieses Landes“. Auch wenn die wenigsten Marionetten-Fans das eigentliche Theater im Augsburger Heilig-Geist-Spital besucht haben dürften, ist es geradezu eine geniale Idee, einen „Roman der Augsburger Puppenkiste“ zu schreiben. Mit diesem Untertitel auf dem Cover erreicht man leicht Leser.

Gleich die ersten Absätze führen ins Foyer des Theaters, zu einem namenlosen Mädchen, das sich nach einer Vorstellung vor seinem Vater versteckt. Traurig, doch neugierig entdeckt es eine Wendeltreppe, die auf einen geheimnisvollen Dachboden führt. Dort trifft das Mädchen nicht nur auf die lebendig gewordenen Marionetten des Theaters, sondern auch auf deren „guten Geist“, Hannelore „Hatü“ Marschall-Oehmichen, die die meisten Figuren geschnitzt hat. Im Dämmerlicht des Dachbodens erzählt Hatü dem Mädchen und den Lesern die Geschichte der Puppenkiste, die zugleich die Geschichte ihrer eigenen Kindheit und Jugend ist. Sie reicht zurück bis in die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Mit den Augen der jungen Hatü verfolgt Thomas Hettche den beklemmenden Alltag in Augsburg zwischen Verdunkelung und dem Verschwinden jüdischer Freundinnen und Nachbarn aus dem öffentlichen Leben bis hin zu ihrer Deportation. Die Familie Oehmichen gehört zu kulturellen Zirkeln, die sich durch die Zeiten lavieren. Hatüs Vater Walter ist als Schauspieler, Regisseur und Oberspielleiter des Augsburger Stadttheaters einerseits aufgestiegen zum schwäbischen Landesleiter der nationalsozialistischen Reichstheaterkammer, inszeniert aber andererseits verbotene Stücke wie den Kreidekreis von Klabund. Seine erste Marionettenbühne, der „Puppenschrein“, geht beim verheerenden Luftangriff auf Augsburg am 25. Februar 1944 in Flammen auf. Hatü findet in den Trümmern kaum mehr als einen „Fetzen des seidenen hellblauen Vorhangs“. Er „flattert, unbegreiflicherweise unversehrt und leuchtend wie je, im heißen Wind, der durch die Ruine streicht.“ Eine der ersten Figuren des neuen Marionettentheaters, der „Puppenkiste“, wird dann der Tod sein, ein Gerippe mit erschreckend beweglichen Knochen.

Thomas Hettche hat bei seinen Recherchen viele Gespräche mit der Schwester und dem Sohn der 2003 in Augsburg verstorbenen Hannelore Marschall-Oehmichen geführt. So ist diese literarische Biographie der Puppenkiste, gespeist aus Erinnerungen der Familie, eindringlich geraten. Und die meisten Leser dürfte sie immer wieder verblüffen. Wem ist schon bekannt, dass Walter Oehmichen nach 1945 wegen seiner Rolle in der Reichstheaterkammer Schwierigkeiten hatte, mit seinem Marionettentheater Fuß zu fassen? Wer hätte gedacht, dass Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz schon Anfang der 1950er-Jahre auf die Augsburger Puppenbühne kam? Und wer kann sich vorstellen, wie die ersten Fernseh-Auftritte der Figuren live im Hamburger Studio vonstattengingen – in der Pionierzeit dieses Mediums, als es noch kaum Zuschauer gab?

Hettche weiß den Weg Hatüs und der Puppenkiste fein zu schildern. Doch das ist nur ein Teil des Romans – derjenige, der in blauen Buchstaben gedruckt ist. Dazwischen, dahinter, davor drängt sich Rot: So sind die Szenen gesetzt, die das namenlose Mädchen auf dem Dachboden erlebt. Immer wieder unterbrechen sie die historische Erzählung von Hatü. Dem namenlosen Mädchen, das auf Marionettengröße schrumpft, mutet der Autor ein eigentümliches Abenteuer zu. Gemeinsam mit Jim Knopf, dem Urmel und dem kleinen König Kalle Wirsch muss es in die Dunkelheit des Dachbodens ziehen, um dem vermeintlich bösen Puppenkisten-Kasperl die Stirn zu bieten. Oder um ihn zu erlösen? Oder ihm das iPhone zu entreißen, das er dem Mädchen zuvor gestohlen hat? Schlussendlich verleiht Hettche auch der rot gesetzten Geschichte einen tieferen Sinn. Trotzdem wirkt das Geschehen auf dem Dachboden konstruiert. Sicher, man freut sich als Leser über das Auftauchen von Urmel und Co. Doch an der Seite des Mädchens wirken die kleinen Stars viel blasser, als wir sie kennen. Sie bleiben Begleitpersonal einer Figur, die der Autor nicht wirklich vorstellen mag. Man erfährt kaum etwas über das Kind. Und da Thomas Hettche ihm nicht einmal einen Namen gönnt, muss es sprachlich eher hölzern als „es“ durch die Passagen geistern – als grob gefertigte Marionette des Autors, die man nicht ins Herz schließen kann.

Die beiden Farben Rot und Blau sowie filigrane Strichzeichnungen machen das Buch allerdings zu einer Augenweide und erinnern an Michael Ende. Die unendliche Geschichte war ebenfalls zweifarbig gedruckt und auch hier spielte die Rahmengeschichte in Rot auf einem Speicher – Reminiszenzen, die stimmig sind, da Michael Ende in Thomas Hettches Roman wiederum als Autor der Jim Knopf-Bücher auftaucht.

Herzfaden zielt auf die Herzen der Leser und erreicht sie – allerdings nicht mit dem Auftritt der vielgeliebten Puppen, sondern mit dem Werden und Wollen ihrer Schöpferin Hatü.

1945, Münchner Leichen im Visier

 16.01.2021 |  Marion Hübinger

Heidi Rehns erster historischer Krimi um den Ermittler Emil Graf bietet in erster Linie das lebendige Bild Münchens 1945 kurz nach Ende des Krieges und weniger den kriminalistisch  spannenden Fall mit der entsprechenden Ermittlungarbeit. Zu sehr sind die einzelnen Figuren verhangen in ihren Erinnerungen, guten, weniger guten oder sogar längst verschütteten. Da ist auf der einen Seite Emil Graf, ein junger Mann, der das Glück hatte, aus der Gefangenschaft in der Normandie heraus mit seinem amerikanische Vorgesetzten zur Münchner Polizei zu geraten. Außerdem kommt die Reporterin Billa ins Spiel, Jüdin, Exilantin mit amerikanischem Pass. Ihr zufälliges Auftauchen im Haus der ersten Leiche, die der Polizeianwärter Emil zu Gesicht bekommt, bringt eine Geschichte ins Rollen, die lange stagniert in eben diesen Erinnerungen. Der Leser darf dabei allerdings den Blick über das bayerische Voralpenland schwenken lassen, über die zerbombte Innenstadt oder die scheinbare Idylle in Nymphenberg. Derweil wird es nicht bei der ersten Leiche bleiben. Für meine Vorstellung von einem Krimi kommt die wirkliche  Ermittlungsarbeit und der damit verbundene Spannungsanstieg leider etwas zu kurz, dafür ist die Geschichte wie alle Titel von Heidi Rehn historisch fundiert und durchaus unterhaltsam.

Perspektivwechsel

 09.01.2021 |  Sofia Galsl

Die Münchner Autorin Désirée Opela macht die Übergangsphase zum Lebenskonzept
 

Nach über neunmonatigem Katastrophenmodus erschaudert man ja schon, wenn sich im gestreamten Film Leute die Hände schütteln, sich umarmen oder gar küssen. Man zuckt auch, wenn sie in Büchern unbedarft durch die Stadt ziehen, sich schmauchend, saufend und schwätzend durch überfüllte Bars und Partyküchen drücken. Es überkommt einen aber bisweilen auch eine neue Form der Nostalgie, eine Sehnsucht nach dieser scheinbar unbemerkt vorbeiziehenden Normalität. Früher wirkte sie manchmal trist, heute kommt sie einem paradiesisch vor. Alles eine Frage der Perspektive.

 

Ein Kippbild wie dieses zieht die Münchner Autorin Désirée Opela in ihrem Debütroman auf. »In Limbo« heißt das 2019 erschienene Bändchen bezeichnenderweise, nicht nur ein Hinweis auf die Vorhölle der unschuldig Schuldigen in Dantes »Göttlicher Komödie«, sondern auch auf den gleichnamigen Song der britischen Band Radiohead. Die Geschwister Marie und Lukas hängen in der Luft zwischen Elternhaus und Eigenständigkeit. Lukas ist gerade ausgezogen und studiert Architektur, Marie weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen will und sitzt erst mal an der Supermarktkasse. In kurzen Vignetten sieht man sie mit Lukas’ Freundin Zoe und seinem Kumpel Krabbe ziellos und rauschhaft durch das vor Sommerhitze bitzelnde München wabern. Sie alle sind auf der Suche nach ihrem individuellen künstlerischen Ausdruck, Lukas in Entwürfen, Zoe in Fotografien, Krabbe in Gemälden und Marie in den nicht enden wollenden Wortlisten in ihrem Notizbuch. »ae-ro-dy-na-misch« steht da etwa oder »os-mo-tisch«. Sie sucht nach Verbindungen zwischen all diesen Begriffen und nach deren Bedeutung für ihre Haltung zur Welt.
 

Eine nervöse Rastlosigkeit umgibt Lukas und Marie, denn sie merken, dass die eigene Neuausrichtung auch etwas mit der Beziehung zueinander macht, die sie eigentlich als Konstante wahrgenommen hatten. »Als würdest du in ein Bild schauen, das in ein Bild schaut, das ist genau die Logik: Schichten«, beschreibt Krabbe den Blick von Lukas’ Balkon beim Feierabendbier. Das Scharfstellen zwischen diesen Ebenen ist es, das ihnen allen manchmal schwerfällt. In den gleitend verschwimmenden Sommertagen fließen Unbeschwertheit und Orientierungslosigkeit, Vorfreude und Nostalgie ineinander, ein kurzes Innehalten vor einer sich schon ankündigenden Veränderung. Opela gelingt es bei all diesem Wabern, nahtlos zwischen den Innenwelten der Geschwister und ihrem Umfeld hin und her zu blenden. Sie macht dadurch deutlich, dass die Comingof-Age-Geschichte der beiden nur als Folie für jede Form des Übergangs gelesen werden kann. Denn auch die Erwachsenen scheinen sich in einem Transformationsprozess zu befinden, die Mutter hat eine Affäre, der Vater schweigt und kocht Apfelmus. Und langsam dämmert es einem: Vielleicht ist die Übergangsphase ein Dauerzustand, den es nicht nur auszusitzen, sondern den es auszukosten gilt. Bei einer abendlichen Riesenradfahrt im Olympiapark sagt Lukas zu Marie und Krabbe: »Wisst Ihr, in solchen Momenten weiß man irgendwie, dass es egal ist, wie es ausgeht.«

Diese Rezension stellt uns freundlicherweise das "Münchner Feuilleton" zur Verfügung.

Symphonie einer Großstadt

 12.12.2020 |  Klaus Hübner

Gesten, Blicke, Satzfetzen, Dresscodes, Gesichter, Stimmungen – niemals war U-BahnFahren so
aufregend wie bei Tiny Stricker. Das Herumschlendern in der Hirschau oder am Nymphenburger
Kanal, das Kneipen- und Kinogehen auch nicht. Hat die Station Giselastraße etwas von einem
versunkenen Schiff oder einem verborgenen Tempel am Strand bei Korinth? Ist der
Eichendorffplatz wirklich nur langweilig? Kann die verblichene Kopie einer Besprechung im
Restaurantfenster zu Tränen rühren? München mit anderen, an der Antike und der Klassik
geschulten Augen. Besonders aufmerksam registriert Tiny Stricker interkulturelle Begegnungen:
»Vermutlich spricht sie noch wenig Deutsch, denke ich, verlässt sich auf die Sprache der Blicke, die
ihr aus ihrem Kulturkreis heraus gut vertraut ist …«. Auch Reisen mit der Freundin stehen an,
Weimar, Sarajevo und Split, die Chiemgauer Alpen. Der Autor wertet nicht, er schreibt auf, was er
sieht. Phänomenologisches Erzählen mit Sinn für Rhythmus und Klang. Verdichtete Prosa mit
lyrisch anmutenden Passagen, Präzision und Seele. Wer Tiny Stricker aus anderen Büchern kennt –
hier lernt er ihn neu kennen.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom "Münchner Feuilleton".

Bayerische Familienbande

 12.12.2020 |  Klaus Hübner

»Die Unverhofften« erzählt die Geschichte eines bayerischen Familienclans über 120 Jahre hinweg,
von 1899 bis 2019. Die Romanhandlung beginnt in der damals noch recht armseligen Glashüttenund
Holzbauernwelt von Bayerisch Eisenstein, spielt größtenteils in Südbayern, oft mitten in
München, führt hinauf in die Höhen des christsozial abgesicherten Immobilien-Topmanagements
des 21. Jahrhunderts und kommt doch immer wieder zurück in die schönherben Wälder rund um
Arber und Rachel. Ein stattlicher Familien- und Gesellschaftsroman in Cinemascope. Gerade die in
Bayern aufgewachsene Leserschaft wird sich in den »Unverhofften« bald zu Hause fühlen. Der
1978 in Eggenfelden geborene Berliner Christoph Nußbaumeder erzählt packend und süffig, und so
folgt man seiner geschickt zwischen ruhigem Erzählfluss und oft heftigen Gesprächspartien
changierenden Geschichte gern. Leider sprechen die Figuren nicht immer so, wie es angebracht
wäre – »Kein Problem!«, sagte anno 1900 kein Mensch –, auch andere Fehler gibt es leider.
Dennoch ein beeindruckendes Prosawerk.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom "Münchner Feuilleton".

Hintersinnig

 12.12.2020 |  Florian Welle

Man nannte sie »Skandalgräfin«: Fanny Liane Wilhelmine Sophie Auguste Adrienne Gräfin zu
Reventlow. Ihr unabhängiges Leben als Schwabinger Bohémienne und alleinerziehende Mutter
stellte in den letzten Jahren mit unschöner Regelmäßigkeit die Schriftstellerin Reventlow in den
Hintergrund. Nun gilt es, sie endlich wieder zu lesen beziehungsweise zu hören. Und zwar jenseits
ihres bekanntesten Romans »Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem
merkwürdigen Stadtteil«. Der kleine Regensburger LohrBär Verlag hat dankenswerterweise elf feinund
hintersinnige Erzählungen und Dramolette u.a. von Eva Sixt, Bettina Schönenberg und Christin
Alexandrow einlesen lassen. Benedikt Dreher sorgt mit dem Fagott für die passenden musikalischen
Zwischenrufe. Gerade wurde die Produktion als einer von zehn Titeln mit der Auszeichnung
»Bayerns Beste Independent Bücher« prämiert. Da zieht einen die rätselhafte Geschichte »Der Herr
Fischötter« in Bann, in der das Element Wasser eine unheilvolle Rolle spielt. Da erzählt »Wir
Spione« von den zwischenmenschlichen Spannungen all jener Freigeister, die auf dem Monte Verità
Zuflucht suchen. Die »internationale Basis« bröckelt mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, man
unterstellt »spionistische Zwecke«. Und in der satirischen Künstlergeschichte »Christus« versucht
die Erzählerin dem bei Kunstmalern sehr beliebten Christus-Modell Friedrich »Fritze« Wilhelm
Köpke aus Berlin Pikantes aus der Kunstszene zu entlocken. Vergebens: Der Christus-Kopf – »eine
Mark für Kreuzigen« – gibt sich zugeknöpft.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom "Münchner Feuilleton".

Nackert nachts im Tegernsee

 12.12.2020 |  Florian Welle

Zugegeben, ein weltberühmtes Ungeheuer wie »Nessie« hat Bayern nicht zu bieten. Wer aber nun
denkt, in den hiesigen Gewässern würde es ungeheuer staad zugehen, der sieht sich nach der
Lektüre von »Wassersagen aus Bayern« eines Besseren belehrt. Im Walchensee tummelt sich ein
abscheulicher Drache, in der Aschauer Klamm lauert der Tatzelwurm mit seinem krokodilähnlichen
Maul, und am Chiemsee treibt die runzelige Wetterhexe ihr Unwesen. Karl-Heinz Hummel,
ausgezeichnet mit dem Ernst-Hoferichter-Preis, hat die aquadämonischen Sagen mit viel Liebe
zusammengestellt. Wie er zuvor schon bayerische Wirtshaus- und Raunachtsagen gesammelt hat.
Bei den Wassersagen war er allerdings nicht alleine. Eine ganz besondere »Muse« stand ihm bei:
das Rockadirl. Die rothaarige Wasserfrau mit dem großen Herzen am rechten Fleck flüsterte »dem
Schreiberling« mit »ihrer heiseren, tiefen und warm tönenden Stimme« in einer romantischen
Sternschnuppennacht am Lagerfeuer Sage um Sage ins Ohr. Wer sich nun vielleicht fragt, wo man
diesem geheimnisvollen Wesen begegnen kann, dem sei das »Lied vom Rockadirl« nahegelegt.
Dort heißt es: »’s Rockadirl, so weiß wie Schnee / Schwimmt nackert nachts im Tegernsee«.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom "Münchner Feuilleton".

Die Tochter des Zauberers

 09.12.2020 |  Friederike Wagner

In der Reihe über berühmte Frauen im Aufbau Verlag ist nun ein Roman über Erika Mann erschienen. Er beleuchtet die ersten Jahre Erikas im Exil in New York. Als Thomas Manns Tochter wird sie mit offenen Armen von der Gesellschaft der Reichen und Schönen aufgenommen. Mit ihrem Bruder Klaus bewegt sie sich gleichzeitig in den Kreisen der europäischen Exilanten. Sie engagiert sich sehr dafür, eine Zukunft für ihr in Deutschland zunächst sehr erfolgreiches, nun unter Hitler verbotenes,  Kabarett "Die Pfeffermühle" zu ermöglichen und damit auch die Mitwirkenden in Sicherheit zu bringen. Darunter befindet sich ihre Lebensgefährtin Therese Giehse. Erika erhält bei ihrem Projekt Unterstützung ganz unterschiedlicher Art von zwei Männern, die auch ihr Herz erobern wollen und zu denen sie sich auch tatsächlich hingezogen fühlt. Wie sich in diesem Gefühlsdilemma eine Lösung findet, wie die Pfeffermühle in New York zwar scheitert, aber Erika zu einer viel gehörten und gefragten Vortragenden wird, die in einer geschickten Verknüpfung persönlicher Erlebnisse und politischer Ereignisse zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufruft, lässt sich in der opulenten schmökerhaften Romanbiografie von Heidi Rehn vortrefflich nachvollziehen.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Wachs zwischen Himmel und Erde

 25.11.2020 |  Hans Gärtner

Ein dickes Buch ist es geworden, das Hans Hipp vorlegt. Sohn Benedikt gab keine Ruh, bis der Vater sein Vorhaben, über den einzigartigen Fundus der Pfaffenhofener Lebzelterei zu schreiben, verwirklichte. Ein Lebenswerk. Ein prachtvoll bebilderter, reich und klug und fleißig mit Quellen und einschlägiger volkskundlicher Literatur belegter Bild- und Text-Band. Über kunstvoll geschnitzte Holzmodel und die aus ihnen gegossenen wächsernen „Kultfiguren“ geht es hauptsächlich.

Eine Rarität ist das Buch wie das Handwerk, von dem es handelt. Anschaulich und einladend, sich darauf einzulassen, ein Handwerk, das es heute so wie ehedem nicht mehr gibt: das des Lebzelters. Eine gewöhnliche „Lebzelterei“, wie sie in manch größerer Stadt Altbayerns anzutreffen war, ist die von Pfaffenhofen an der Ilm nicht. Sie hebt sich heraus – durch ihre vor 400 Jahren begründete seltene Kontinuität, erst heuer mit neuem Leben im „Haus Hipp“ am Hauptplatz 6 der Kreisstadt Pfaffenhofen erfüllt. Wo es ein Konditorei-Café gibt mit Met-Ausschank. Mehr noch: einen „Branchenmix von Kuchen, Torten, Eis und Pralinen über hochwertige Schokoladenerzeugnisse“. Dazu ein „vielseitiges Honigzelten-Sortiment bis hin zu Kirchen- und Opferkerzen“. Dass die liturgischen Objekte zu den Süßigkeiten passen, erklärt sich für den 71-jährigen Hans Hipp „aus dem historischen Berufsbild eines Lebzelters“.

Ein Lebzelter hatte, nach strenger Regel, Lebzelten aus Bienenhonig zu bereiten und zu verkaufen, Met zu sieden und auszuschenken und Bienenwachs auszupressen und zu bleichen. Daraus ergab sich die Herstellung von Kerzen und „gegossenem Wachsbild“ als Votivgaben. Viele davon wurden – aus Dankbarkeit für vom Himmel erfahrene Hilfe und Rettung aus Not und Leid, aber auch als Bitte um Abwendung von Unbill jeglicher Art – in der Pfaffenhofen nahe gelegenen Wallfahrtsstätte Niederscheyern geopfert. Das geht für Hans Hipp aus den alten kirchlichen Aufzeichnungen in so genannte Mirakelbücher hervor. Zehn davon sind noch vorhanden. Das älteste wurde vor 385 Jahren begonnen. Der Benediktinerpater Franz Gressierer, Bibliothekar des Klosters Scheyern, war ein Glücksfall für Hipp: „Ich konnte Pater Franz von meiner Idee begeistern, die Bedeutung der Wachsvotive aus unserer Lebzelterei, über die jahrhundertealten Aufzeichnungen, direkt von den Votanten erklären zu lassen“.

Hipp vermutet, dass „weit mehr Wachsopfer gebracht“ wurden, „als sie in den Mirakelbüchern verzeichnet sind“ und dass sie von Pfaffenhofen stammen, von den Vorbesitzern der Wachszieherei Hans Hipp, die noch viele bis ins 17. Jahrhundert reichende Wachsmodel besitzt. In Pfaffenhofen wurden also die wächsernen Weihegaben gekauft und in der Kirche von Niederscheyern geopfert.“

Was bewog Hipp, eine im deutschsprachigen Raum einzigartige, über Jahre hinweg zustande gekommene umfassende Sammlung von Wachsvotiven aufzubauen? Er wollte „den Glauben, die Schönheit und die Vielfalt dieser `wächsernen Hilferufe` unserer Vorfahren … bewahren.“ Davon legt er in seinem großartigen Werk beredt Zeugnis ab. Dass es keine Selbst-Bespiegelung wurde, also nur den eigenen und Altbestand der Hipp`schen Votivgaben-Model und deren Abgüsse von Heiligen-, Menschen- und Tierfiguren, Leibern, Körperorganen, Köpfen, Häuschen, Fatschenkindern in bewundernswerten, zum Greifen nahen Fotos aufzuführen und zu beschreiben, sondern auch „kunstvoll gestochene Model aus anderen Lebzeltereien“ einzubeziehen, weitet den Pfaffenhofener Fundus auf den ganzen altbayerischen Raum aus. Hinzukommt ein Kapitel über Wachsstöcke und die wächsernen Eingerichte unter Glasstürzen der Firma Gebr. Weinkamer, Salzburg.

Mit besonderem Interesse geht der Leser wohl den „ganzfigürlich“ in Wachs gefertigten Votanten nach. Wer einmal in der ehemaligen Wallfahrtskirche Pürten, in Waldkraiburg eingemeindet, war, hat die reichen feschen Bauersleute ganz in Wachs bewundert, 160 cm bis 80 cm hoch, die Hände gefaltet alle drei, und in Festtagskleidung aus ihrer Zeit – Ende des 17. Jahrhunderts. Ähnliche, noch prächtigere wächserne lebensgroße Votivgaben gab es in Altötting, Tuntenhausen und Maria Einsiedeln. Die wohl schönsten ihrer Art und historisch verbürgten: die auf einem Kissen knienden, ebenfalls betenden Prinzen „Hieronymus“ und „Ignatius Wolfgangus“, die Bayerns Kurfürst Maximilian I. anfertigen ließ, nachdem Gott seine Bitte um Nachwuchs noch im Alter von 63 bzw. 65 Jahren erfüllte. Zu bewundern in der St. Bennokapelle der Münchner Frauenkirche. Solche „Weihestatuen“, die oft mit dem realen Körpergewicht und in physiognomischer Ähnlichkeit in Wachs moduliert wurden, repräsentierten die persönliche Hingabe eines Bittstellers an die himmlische Macht.

Nina Gockerell, die jahrelang die Volkskundeabteilung des Bayerischen Nationalmuseums leitete, fand für ihr schönes Vorwort einen für Hipp & Co passenden Ausspruch des schwäbischen Barockpredigers Abraham a Santa Clara. Er eröffnet den Hipp`schen Schatzbehalter, er soll diese Besprechung beenden: „Wax und Honig … das erste wird fast mehrentheils zu Gottes Ehr angewendet: das andere brauchen die Lettzeltner für Schlecker-Bissel des Menschlichen Appetits“. Ein solches „Schlecker-Bissel“ ist das ganz dicke Buch. Es erfreut Eingeweihte nicht weniger als es Einsteigern in die wundersame Materie des altbayerischen Votivbrauchtums einführt.

Das süße Gift des Geldes

 05.11.2020 |  Katrin Rüger

Als die junge Schauspielerin Adele Spitzeder mittellos in München eintrifft, leiht sie sich Geld und verspricht, es mit gutem Zins zurückzuzahlen. Vor allem die Ersparnisse der einfachen Leute fliegen ihr bald nur so zu und sie gründet eine Privatbank. Das Geld quillt aus Schränken und Schubladen, fast verbrennt es, als ein Feuer im Haus ausbricht. Dass Adele Spitzeders aus der Not geborener Plan nicht aufgehen kann und es sich bei ihren Aktivitäten keinesfalls um seriöse Bankgeschäfte handelt, ist unübersehbar. Adele lebt nun unkonventionell mit einer Frau zusammen, auf großem Fuß. Sie investiert aber auch in Armenküchen. Heubisch erzählt romanhaft und mit sanftem Lokalkolorit. Sie zieht ihre Leser*Innen gekonnt ins beengte und derbe Treiben auf Münchner Straßen und Plätze, auf der sie die Spitzeder (1832-1895) mit ihrer ambivalenten Persönlichkeit wie das Sahnehäubchen schwimmen lässt. Dabei lässt Heubisch offen, ob diese besonders durchtrieben  oder einfach nur wider besserer Vernunft agiert hat. Diese Frage bewegt, fasziniert und trägt durch dieses spannende Stück Münchner Zeitgeschichte.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Zugspitze

 27.10.2020 |  Katrin Rüger

Seit 1820 ist der von uns aus unweit gelegene, höchste Berg Deutschlands rundum Spielwiese für Alpinisten, Ausflügler und Sportler. Stefan König teilt diese Bergmonografie in viele kleine, reich bebilderte Etappen, in die man nach Lust und Laune eintauchen kann. Mal krakseln wir mit dem Autor an der Wetterkante und weiter zur  Geschichte der Wetterstation. Dann erzählt er von der Errichtung der Zugspitzkreuzes und vom Münchner Haus, von Seilbahnen und technischer Erschließung. Von Wegen auf den Berg und Blicken hinab und gleich wieder hinauf, auf umliegende Gipfel. Wir steigen hinab, an die Orte am Fuße und erproben seine Umrundung mit dem Mountainbike. König lüftet Geheimnisse und erzählt viel Wissenswertes.  Doch wenn der Berg im Wolkenmeer liegt, oder die Morgensonne seine Grate zum Glühen bringt, der Schnee seine Flanken bepudert hat, springt, ganz ohne Worte, ein Stück Magie und Erhabenheit, die nur ein Berg in sich tragen kann, auf den Betrachter über. Ein erstaunlich kompaktes Bildbuch, das für Aktivisten, Geschichtsinteressierte und Träumer etwas zu bieten hat.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Wilde Isar

 13.10.2020 |  Katrin Rüger

Dem fließenden Wasser folgend, durchstreift der Betrachter mit fotografischem Auge die Naturlandschaften entlang der Isar. Aus rauhem Karwendel über sanfte Auen hinein in die Stadt. Vogelperspektiven, Nahaufnahmen, vom Sonnenaufgang bis ins Dunkel der Nacht. Vielen tierischen Bewohnern bietet diese mal wilde, mal von Menschen geformte Naturlandschaft ihren Lebensraum. Ein stimmungsvoller Bildband, der rund ums Jahr Lust einlädt, sich auf die Fährte zu begeben. Anleitung zum Naturgenuss direkt vor unserer Haustür.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung 'Buchpalast' in München-Haidhausen.

Der falsche Preuße

 06.10.2020 |  Marion Hübinger

Der Debütroman von Uta Seeburg spielt im München des ausgehenden 19. Jahrhundert. Gemeinsam mit Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski bewegt sich der Leser zu Fuß oder mit der Droschke durch die Straßen der schillernden Goßstadt, und ganz besonders durch Haidhausen, Bogenhausen und der Innenstadt. Der preußische Polizist wurde aufgrund seines hervorragenden Ermittlerrufes nach München berufen, wo er mit Gattin, Sohn und einer Haushälterin lebt.  Diesem Ruf muss er natürlich beim ersten Mordfall gerecht werden, was allerdings keine leichte Aufgabe ist. Politische Interessen, hausgemachte Ärgernisse und die fehlende Möglichkeit, in den besser gestellten Kreisen Antworten zu finden, stellen den geradlinigen Ermittler vor diverse Probleme.  Bald schon hat die Autorin ein breit gefächertes Feld an Verdächtigen, an Zeugen und  Nebenschauplätzen entwickelt, so dass man mitunter den Überblick verlieren kann.  Nichtsdestotrotz entfaltet sich in dem Krimi ein lebendiges Zeitbild, das mit mondänen Skurilitäten  aufwartet und interessante Einblicke in die Anfänge der Kriminalistik gibt.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Herzfaden

 22.09.2020 |  Friederike Wagner

Mir ist es beim Lesen dieses Buches so ergangen, wie die Marionettenspieler es sich von ihren erwachsenen Zuschauern wünschen. Bei den ersten Seiten überlegte ich noch, ob es nicht ein Kinderbuch sei. Doch unmerklich hatte der Text mich in den Bann gezogen und ich folgte fasziniert der Erzählung über das heranwachsende Mädchen Hatü in ihrer Heimatstadt Augsburg. Ihr Vater Walter Oehmichen, einst Oberspielleiter am Augsburger Theater, begann in den Zeiten des 2. Weltkrieges Marionetten zu schnitzen und mit seinen Töchtern zu bespielen. Hatüs Begeisterung für die beim Spiel zum Leben erweckten Figuren wird sie nie mehr verlassen. In der Nachkriegszeit gründet ihr Vater mit ihr die Augsburger Puppenkiste. Mit weiteren, ihre unterschiedlichen künstlerischen Begabungen einbringenden Menschen verschmelzen sie zu einer familienähnlichen Gemeinschaft. Neben der märchenhaften Welt des Marionettentheaters steht das reale Erleben des 2. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, das aus Sicht des jungen Mädchens Hatü sehr anschaulich und glaubhaft beschrieben wird. Wie wir es aus der unendlichen Geschichte kennen gibt es einen im Druck farblich differierenden Erzählstrang, der ein Mädchen aus heutiger Zeit in die Welt der Marionetten eintauchen lässt, wo es, so wie wir Leser, Hatüs Geschichte erfährt. Dieser Roman ist ein Glück für alle Erwachsenen, die das Kind in sich spüren oder wieder aufwecken möchten!

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Ohne Obdach, aber mit Champagner

 30.05.2020 |  Günter Keil

Die neue Graphic Novel »Vatermilch« des Münchner Zeichners Uli Oesterle begibt sich auf die
Suche nach seinem eigenen Vater, der viele Jahre auf der Straße lebte.
Vor dem ältesten Kiosk Münchens schwingt sich Uli Oesterle von seinem Fahrrad. Hier, am Ostufer
der Isar, an der Wittelsbacherbrücke, trinkt der Comickünstler und Illustrator gerne mal ein Bier.
Oder trifft sich mit Freunden. »Der Kiosk liegt auf der Hälfte meiner Radstrecke«, sagt er. Mit
seiner Familie lebt Oesterle in Obergiesing, und mit acht Kollegen teilt er sich ein Atelier in
Schwabing. Der 54-Jährige zeichnet und schreibt nahezu alles: schräge Comics, hochwertige
Graphic Novels, bunte Wimmelbilder, riesige Puzzles und innovative Illustrationen. Seine Bücher
erscheinen in sechs Sprachen.
Die Wittelsbacherbrücke taucht in Oesterles Graphic Novels regelmäßig auf. In seinem neuen Werk
»Vatermilch« ebenso wie im preisgekrönten Band »Hector Umbra« von 2003. »Das Thema
Obdachlosigkeit hat mich schon immer beschäftigt. Und die Wittelsbacherbrücke bietet ja
traditionell vielen Menschen eine Wohnung. Ich mag das hier«, sagt Oesterle, während er zu den
drei Bögen blickt, die das Hochwasserbett und die Isar überbrücken. Der Vater des gelernten
Grafikers war ein schwerer Alkoholiker, der das Geld der Familie in Kneipen und beim Glücksspiel
verschleuderte. Als Oesterle sieben Jahre alt war, machte er sich aus dem Staub. Wie sich
herausstellte, lebte er in einer WG mit zwei anderen Trinkern und immer wieder allein auf der
Straße. 2010 starb er, mittellos, in einem Heim. »Noch immer liegt vieles aus dem Leben meines
Vaters im Dunkeln, und kaum jemand meiner Verwandten wusste damals, was mit ihm los war«,
meint Oesterle. Offenbar litt er unter einer Gedächtnisstörung, dem Korsakow-Syndrom, wie viele
Alkoholkranke.
In seiner neuen Graphic Novel hat der Sohn seinen Vater wieder zum Leben erweckt. Uli Oesterle
erfand die Figur des »Rufus Himmelstoss«, einen charmanten, feschen Hallodri, der sich 1975
durch die Hotspots der Schwabinger Schickeria tanzt. »Ich wollte meinen Vater nicht eins zu eins
abbilden, sondern einen Charakter, der mir gut aus der Feder läuft. Außerdem wollte ich ihm die
Gelegenheit geben, ein besserer Mensch zu sein«, sagt Oesterle. Himmelstoss fährt einen
Sportflitzer, trinkt Champagner, verführt Frauen, verspielt sein Geld, vernachlässigt seine Familie
und stürzt schließlich ab. Als er pleite seinen Schlafsack unter der Wittelsbacherbrücke ausrollt,
schicken ihn die dort lebenden Obdachlosen wieder weg. Der blasierte Lebemann passt nicht zu
ihnen, und er ist nicht bereit sich anzupassen. Am Ende von »Vatermilch« scheint auch Rufus
Himmelstoss am Ende zu sein – doch es gibt offenbar noch viel zu erfahren über diesen
schillernden, tragischen Charakter: Die Erzählung ist auf vier Bände angelegt.
Erst die Geschichte, dann die Illustrationen. Nach diesem Muster arbeitet Oesterle bei all seinen
Projekten. »Das Schreiben ist eine unglaubliche Quälerei. Aber ich kann nicht anders; ich muss
meine Figuren und die Umgebung erst in Worte fassen, damit ich sie im nächsten Schritt sichtbar
machen kann.« Uli Oesterle mag eingerissene und gebrochene Kanten, »es soll rau aussehen, und
das Gebrochene der Charaktere fließt in die Schwarzflächen.« In »Vatermilch« sieht man die 1970er
Jahre des Rufus Himmelstoss in warmem Grau mit Gelb-Orange, wohingegen die Gegenwartsebene
(2005) in einem starken Violett eingefangen wird. In letzterer bewegt sich in der Graphic Novel
auch Victor, der Sohn des Alkoholikers. »Der ist mir schon sehr ähnlich«, gibt Uli Oesterle zu.
Victor ist Illustrator, hadert mit den Genen seines Vaters und sinniert über die Vereinbarkeit von
Familie und Kunst. Wenn er es zu Hause nicht mehr aushält, fl üchtet er ins Atelier, das FBI,
»Federal Bureau of Illustration«. Humor gehört zu Oesterles Geschichten genauso wie die
Abgründe des Lebens, eingefangen in düsteren Farben und schrägen Perspektiven. Und, sehr
typisch für Oesterle, die Musik: »Papa was a rolling stone« ist der Song in »Vatermilch«, und im
legendären Schwabinger »Yellow Submarine« dröhnt »Kung Fu Fighting« aus den Boxen. In
Oesterles Werk »Hector Umbra« wummern dauernd die Bässe – ein DJ ist verschwunden. Sein
Kumpel, ein Maler, sucht ihn und gerät dabei auf einen albtraumartigen Trip durch die Münchner
Kneipen- und Clubszene.
Im Alter von drei Jahren zog der in Karlsruhe geborene Uli Oesterle mit seinen Eltern nach
München. Nun, nicht ganz: eigentlich landete er zunächst in Germering. Der schmucklose Vorort
taucht in »Vatermilch« auf, so wie viele andere reale Plätze Münchens. Oesterles Geschichten sind
tief in der Stadt verankert, die ihn 2018 mit dem Schwabinger Kunstpreis auszeichnete. Übrigens:
Schon mit zehn wollte der Illustrator Zeichentrickfilmzeichner werden, und in gewisser Weise hat
er das ja auch geschafft: Seine Werke wirken bisweilen wie kunstvoll hergestellte Filme. Mit
Figuren, die so was von lebendig sind, sogar im Liegen. Manchmal scheinen sie vom Rand der
Seiten ins reale Leben zu springen, getrieben vom Wunsch, sich selbst zu fi nden. Oder den
obdachlosen Vater.

Diese Rezension hat uns freundlicherweise das "Münchner Feuilleton" zur Verfügung gestellt.

Kill Katzelmacher!

 09.04.2020 |  Marion Hübinger

München 1948, das bedeutet eine Stadt in Trümmern unter amerikanischer Besatzungsmacht, ehemalige Wehrmachtssoldaten bei der Polizei, Armut, der berüchtigte Schwarzmarkt in Bogenhausen, unterdrückte Wut und Misstrauen, aber auch offener Hass. Der jüdische US-Offizier Marcus Feinstein legt seinen Hass gegenüber den Deutschen mitunter offen zur Schau. Ausgerechnet er wird Chef der Münchner Polizei. Was ihn am allermeisten widerstrebt, ist Kollege Steinmüller, einer dieser ehemaligen Wehrmachtssoldaten, mit dem er auf Geheiß seines Vorgesetzten zusammenarbeiten muss. Feinstein muss sich in seine Rolle fügen, möchte gute Arbeit leisten, er diskutiert und streitet viel mit dem nicht weniger engagierten Kollegen Steinmüller. Ein Ermittlerteam, das erst noch zu einem werden muss.  Calsow schafft es, genau wie in seinen Regionalkrimis eine authentische Stimmung zu erzeugen, die Spannung wächst nach und nach, und die Straßen Münchens, der Tegernsee und die Gegend um Kreuth bieten einen großartigen Schauplatz für diesen schwierigen Fall in einer schwierigen Zeit. Historische Spannung vom Feinsten.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen

QUANTUM

 23.03.2020 |  Marion Hübinger

Wenn ein italienischer Physiker in einem Münchner Biergarten entführt, von zwei arabisch aussehenden Männern gefoltert und von einer GSG9 Einsatzgruppe befreit wird, dann sind alle Antennen aufgerichtet. Aber weder das Opfer, Nicola Caneddu aus Sardinien, noch die Journalistin Livia Chang, die dank ihres journalistischen Gespürs auf den Fall aufmerksam wird, ahnen, dass sie in einen Kampf um die Vormachtstellung der Großmächte reingezogen werden. Indien bedroht die ganze Welt mit verheerenden Detonationen durch Neutrinos, mit denen ausgerechnet Nicola Caneddu viele Jahre am CERN in der Schweiz geforscht hat. Und genau darum braucht es einen Elementarteilchenforscher, einen draufgängerischen amerikanischen Ex-Elitesoldat und die taffe Journalistin, um die Weltordnung wieder herzustellen. Von den ersten Seiten bis zur letzten ein wahres Pulverfass an Spannung!

Der Haidhauser Autor Patrick Illinger, geboren 1965, forschte am Europäischen Forschungszentrum CERN über Antimaterie, bevor er sich dem Journalismus und dem Schreiben widmete. 1997 wurde Patrick Illinger leitender Redakteur der ›Süddeutschen Zeitung‹, wo er zunächst die Online-Redaktion aufbaute. Seit 2002 ist er für das Wissensressort verantwortlich.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Unbarmherzig

 11.06.2019 |  Marion Hübinger

Alte Geheimnisse, die aufgedeckt werden. Alte Feindschaften, an die gerührt werden. Dazu ein Doppelmord inmitten von Altbrück, der längst verjährt sei könnte. Die Spezialistin für Cold Cases bei der Kripo München Gina Angelucci und ihr Kollege setzen sich mit allen Mitteln dafür ein, dass die verscharrten Leichen wieder ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte bekommen. Das Tagebuch eines der Opfer erzählt die eine Geschichte, die Familie der Verdächtigen eine andee. Der Leser nähert sich gemeinsam mit der resoluten Kommissarin Schritt für Schritt der Wahrheit.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

Italienische Spaziergänge in München

 26.03.2019 |  Katrin Rüger

München ist die nördlichste Stadt Italiens, sagen die Münchner mit Stolz, und sicher haben Sie sich schon immer gefragt, warum. Daniela Crescenzio verführt an diesem Abend im Buchpalast zu Italienischen Spaziergängen in München und zeigt bekannte wie auch überraschende italienische Aspekte der Isar-Metropole – von den architektonischen Werken mit den Vorbildern in Florenz und Rom bis zu den florentinisch inspirierten Bronzearbeiten. Besonders am Herzen liegen ihr die Biografien von Italienern, die in München gelebt haben, vor allem die Geschichten von italienischen Frauen, wie beispielsweise Felicitas Blangini, Ehefrau von Leo von Klenze, oder der stolzen Giovanna San Germano d'Agliè, die sich das Porcia-Palais in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße vom Hofbaumeister Enrico Zuccalli erbauen ließ.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Buchhandlung "Buchpalast" in München-Haidhausen.

»Ein winzig Bild vom großen Leben«

 01.12.2018 |  Stefan Frey

»Ein winzig Bild vom großen Leben« – das versprach Willy Rath in seinem Vorspruch für das
Programm der »Elf Scharfrichter«. Und daran hat sich auch Judith Kemp in ihrer Kulturgeschichte
dieser legendären Münchner Institution gehalten. Der Musik- und Theaterwissenschaftlerin gelingt
es, Münchens erstes Kabarett nicht nur so vollständig wie möglich zu dokumentieren, zu
analysieren und zu erklären, sondern auch dem »spezifischen Wesen dieser Bühne auf den Grund zu
gehen«. Seitdem »Die Elf Scharfrichter« 1901 mit einer »Galaeröffnungsexekution« begründet
wurden, strömte die Münchner Boheme in das kleine Theater in der Türkenstraße 28, das bald zu
einem festen Bestandteil der damaligen Schwabinger Kunstszene wurde. Kemp durchleuchtet
dessen ideengeschichtlichen Hintergrund, geschäftliche Organisation und allabendliches Repertoire.
Vor allem aber werden die Ensemblemitglieder in Einzelbiografien lebendig, nicht nur die
prominenten wie Frank Wedekind, Otto Falckenberg oder Heinrich Lautensack, sondern auch die
musikalischen Protagonisten wie Marya Delvard, Marc Henry und vor allem der Komponist
Richard Weinhöppel. Wie das von Kemp zusammengestellte, großartige Bildmaterial zeigt, haben
»Die Elf Scharfrichter«, obwohl sie sich schon nach nur drei Jahren auflösten, in München bis heute
ihre Spuren hinterlassen.

Diese Rezension wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom "Münchner Feuilleton".